Einige der Zwangsarbeiterinnen bekamen während ihres Arbeitseinsatzes Kinder. Ihre Kinder mussten sie in sogenannten „Ausländerkinder-Pflegestätten“ abgeben. Die „Ausländerkinder-Pflegestätte“ in Gienau, im Dahlenburger Ortsteil Gienau/Siecke, damals Haus Nr. 3, befand sich ein Bauernhof, in dem im Dezember 1943 ein Ausländerkinderheim eingerichtet wurde. Während Landarbeiter im Obergeschoss wohnten, wurde das Kinderheim im Erdgeschoss des Vorderhauses eingerichtet.

In diesem Haus in Gienau war die „Ausländerkinder-Pflegestätte“ untergebracht [Quelle: privat]
In diesem Haus in Gienau war die „Ausländerkinder-Pflegestätte“ untergebracht [Quelle: privat]

Eine deutsche Bewohnerin des Hauses führte in Absprache mit der Ortsbauernführerin die Aufsicht. Sie wurde in der alltäglichen Arbeit von zwei Polinnen und einer „Ostarbeiterin“ unterstützt. Das Heim verfügte über 30 Plätze und war im Mai 1944 mit 16 Kindern belegt. Die Ausstattung des Heimes war karg. Selbst das benötigte Wasser musste stets durch einen jugendlichen Arbeiter von einem weiter entfernt liegenden Brunnen herangeschafft werden. Über die Zustände in der „Ausländerkinder-Pflegestätte“ berichtete eine Zeitzeugin: Die Kinder wurden zum Teil mit saurer Milch gefüttert. Die meisten von ihnen litten an Ekzemen und starben an Unterernährung. Anfangs wurden schwangere Frauen aus Polen und der Sowjetunion noch in ihre Heimat zurückgeschickt. Ende 1942 vereinbarten Himmler und Sauckel, dass „gutrassige Kinder“ den Frauen entzogen und in besonderen Heimen als Deutsche erzogen werden sollten. „Schlechtrassige“ Kinder sollten in Kindersammelstätten zusammengefasst werden, für die eine „hochtrabende Bezeichnung“ einzuführen sei. In der Folge wurden zahlreiche sogenannte Ausländerkinder-Pflegestätten eingerichtet, in denen die Kinder systematisch vernachlässigt wurden und deshalb zahlreich starben. Ab Frühjahr 1943 kam es außerdem zu vielen Zwangsabtreibungen.

Die kleinen Leichen wurden von der örtlichen Hebamme auf dem Fahrradgepäckträger in einer Kiste nach Dahlenburg zum Friedhof gebracht, wo sie in der hinteren Ecke des Friedhofes begraben wurden. Nebenbei meldete die Hebamme die Todesfälle beim zuständigen Standesamt in Dahlenburg. Die damalige Bäuerin, die im Nachbarhaus wohnte, erhielt des Öfteren Besuch von Müttern der untergebrachten Kinder. Solche Besuche waren offiziell nur sonntags alle zwei Wochen erlaubt. Häufig erhielten die Mütter erst anlässlich ihrer Besuche die Nachricht vom Tod ihres Kindes und weinten dann furchtbar. Freiwillige Lebensmittelspenden, welche die Bäuerin anbot, wurden von der Heimleiterin abgewiesen. Auch der Bauer und Hofbesitzer konnte nichts zur Verbesserung der Lage im Heim ausrichten. Die Zustände in dem Kinderheim auf ihrem Grundstück waren die schlimmste Kriegserfahrung der Bäuerin, einschneidender und traumatischer als der Verlust des eigenen Sohnes, der im Krieg fiel. Nach Kriegsende holten die Mütter bzw. Eltern die überlebenden Kinder aus dem Heim. Die Familie des Hofbesitzers wurde nach dem Einmarsch der Alliierten nicht behelligt und gegenüber den Besatzungstruppen in Schutz genommen.
Die Todesrate für das Heim in Gienau war sehr hoch. Allein in der ersten Oktoberhälfte 1944 starben sechs Kinder, insgesamt sind 12 Säuglinge und Kleinkinder aus Gienau als Tote registriert. Das Dillenberger Sterberegister verzeichnet als Todesursache in drei Fällen Ekzeme, in den meisten anderen Brechdurchfall.
Alle sind auf dem Friedhof in Dahlenburg bestattet. Die drei anderen Kinder starben in Köstorf, Eimstorf und Ellringen.
„Zwangsarbeiterkinder im Landkreis Lüneburg“ des Jugendarbeitskreises (JAK) ist im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. – Bezirksverband Lüneburg/Stade entstanden. Das Projekt umfasste die Dokumentation der Schicksale von Zwangsarbeiterkindern in der Region zum Ende des Zweiten Weltkrieges sowie die Darstellung der Ergebnisse im Internet unter www.jak-lueneburg.de und wurde bei einem Geschichtswettbewerb des Lüneburgischen Landschaftsverbandes e.V. prämiiert. Geschichts- und Erinnerungstafel Dahlenburg VOLKSBUND DEUTSCHE KRIEGSGRÄBERFÜRSORGE e.V. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist eine humanitäre Organisation und widmet sich der Aufgabe, die Gräber der deutschen Kriegstoten im Ausland zu erfassen, zu erhalten und zu pflegen. Der Volksbund betreut Angehörige in Fragen der Kriegsgräberfür sorge, berät öffentliche und private Stellen, unterstützt die internationale Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Kriegsgräberfürsorge und fördert die Begegnung junger Menschen an den Ruhestätten der Toten. In den Jugendarbeitskreisen des Volksbundes engagieren sich junge Menschen für die Aufgaben und Ziele des Vereines.
Weitere Informationen zum Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. erhalten Sie auf der Homepage www.volksbund.de.
17.10.25