Am 8. Mai 1945 ist Nazi-Deutschland besiegt. Als Folge des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs wurden Millionen von Menschen vertrieben, zwangsumgesiedelt oder mussten flüchten.
Auf breiter Front überschreitet die sowjetische Armee im Januar 1945 die deutschen Grenzen im Osten. Schon nach zehn Tagen haben sowjetischen Panzer, die überraschend aus dem südlichen Ostpreußen vorgestoßen sind, bei Elbing die Küste erreicht – wenige Kilometer vor Danzig.
Die abgekämpften deutschen Truppen, unter ihnen Jugendliche und alte Männer, haben dem Ansturm nichts entgegenzusetzen.
Lange hatten die NS-Machthaber Durchhalteparolen ausgegeben und rücksichtslos jede Flucht verboten. Den Flüchtlingsströme passten nicht zu den bis zuletzt verkündeten Siegesparolen der NS-Propaganda: „Wer von der schnell vorrückenden Roten Armee eingeholt wurde, dem drohten Misshandlung, Vergewaltigung und Ermordung.“

Als die Rote Armee im Herbst 1944 an der Reichsgrenze stand, begann aus Angst vor Vergeltung die Massenflucht. Die Flucht und Vertreibung betraf rund 12 bis 14 Millionen Deutsche in Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa.
In Ostpreußen, Danzig und Pommern bleiben mindestens drei Millionen Menschen zurück, geraten unter sowjetische Herrschaft. Die meisten von ihnen werden bis Ende der 1940er-Jahre aus ihrer Heimat vertrieben.
Viele Deutsche fürchteten Vergeltung für die nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen. Hunderttausende Deutsche strömten in den letzten Kriegswochen nach Westen.

Karte mit den Flüchtlings- und Vertriebenenströmen
Karte mit den Flüchtlings- und Vertriebenenströmen

Manche reisen sofort mit dem noch planmäßig verkehrenden Schnellzug ab, andere warten bis zum letzten Augenblick.
Überstürzt müssen die Menschen ihre Bauernhöfe und Gutshäuser verlassen. Sie fahren zumeist in Trecks mit Pferdefuhrwerken und hochbeladenen Planwagen, Schlitten und mit Handwagen in das westliche Reichsgebiet oder gehen zu Fuß. Ein kleiner Handwagen, ein Rucksack und ein Holzkoffer mit wenigen Habseligkeiten sind häufig der ganze Besitz von Flüchtlingen und Vertriebenen. Millionen Flüchtende starben an Hunger, Kälte und Krankheiten begleiten ihre wochen- und monatelange Flucht. Viele Familien werden auseinandergerissen und sind auf der Suche nach ihren Angehörigen.

Flüchtlingstreck am Marktplatz (vor Karstadt) /Bäckerstr. von Lüneburg.
Flüchtlingstreck am Marktplatz (vor Karstadt) /Bäckerstr. von Lüneburg.

Vertreibung und Flucht war eine Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und Kriegsverbrechen und während der Zeit des Nationalsozialismus und der Gebietsverluste des Deutschen Reiches.
Als die Landwege nach Westen versperrt waren, gelang mindestens 1,5 Millionen Zivilisten und 500.000 Wehrmachtsangehörigen die Flucht per Schiff über die Ostsee.
Viele Menschen flohen über die Ostsee nach Westen. Zunächst aus Ostpreußen, schließlich aus Schlesien und Pommern zogen Millionen in den Wintermonaten 1944/45 bei Schnee und Kälte. Denn in Ostpreußen liegt hoher Schnee in diesen Januar-Tagen. Das Thermometer fällt bis auf 25 Grad unter null. Viele sterben unterwegs an Entkräftung. Vor allem kleine Kinder erfrieren bei den eisigen Temperaturen.
und aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa während und nach Ende des Zweiten Weltkrieges von 1944 bis 1950 umfasst große Teile der dort ansässigen deutschsprachigen Bevölkerungsgruppen. Mehr als 17 Millionen Deutsche lebten vor dem Krieg in den Ostprovinzen sowie in Polen, den baltischen Staaten, Danzig, Ungarn, Jugoslawien und Rumänien. Auch aus der Tschechoslowakei wurden die Deutschen vertrieben.
Nach dem Krieg begann die systematische Vertreibung der Deutschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Etwa zweieinhalb Millionen Deutsche blieben in ihrer Heimat.

Flüchtlingstreck über dem zugefrorenen Frischen Haff
Flüchtlingstreck über dem zugefrorenen Frischen Haff

Zahlreiche Flüchtlingstrecks gerieten zwischen die Fronten und wurden aufgerieben. Zehntausende starben zudem an Hunger, Erfrierungen oder durch gezielte Tieffliegerangriffe der Alliierten.
Der einzige Ausweg ist nun die weiter nördlich gelegene Strecke Richtung Ostsee, nach Königsberg, der Provinzhauptstadt, und weiter nach Pillau (heute Baltjisk). Der kleine Ort verfügt über zahlreiche Hafenbecken und liegt 50 Kilometer westlich an der Einfahrt ins Frische Haff.

Die Einschiffung erfolgt am Hafen von Pillau
Die Einschiffung erfolgt am Hafen von Pillau

Tiere, Wagen und Haushaltsgegenstände müssen die Flüchtlinge zurücklassen.
Immer mehr Menschen fliehen nun nach Pillau. Nicht alle der zeitweise bis zu 75.000 hungernden und frierenden Flüchtlinge können in Turnhallen, Kasernen, Kirchen oder Privatwohnungen untergebracht werden. Viele müssen im Freien übernachten.
Zur gleichen Zeit versuchen die Menschen in Pillau immer wieder verzweifelt, die wenigen ankommenden Schiffe zu stürmen. Im Gedränge stürzen viele zu Boden, andere trampeln über sie hinweg. Kinder werden von ihren Müttern getrennt.
Bis Mitte Februar werden über den Pillauer Hafen mehr als 200.000 Menschen abtransportiert, 50.000 Flüchtlinge setzen hier am Frischen Haff über. Oft bleibt der Schiffsraum aber auch dem Abtransport von Soldaten, Waffen und Militärfahrzeugen vorbehalten.
Die Schiffe fahren von Pillau häufig im Geleitzug. Kriegsschiffe sollen sie gegen Angriffe sowjetischer U-Boote und Flieger schützen. Die Evakuierung Ostpreußens, Danzigs und Pommerns über See geht bis Kriegsende unvermindert weiter.
Insgesamt sind von Pillau aus zwischen Januar und April 1945, rund 450.000 Flüchtlinge mit Schiffen abtransportiert worden.
Ostpreußische Flüchtlinge erreichen nach tagelanger Flucht über die Ostsee Kiel. Oft haben sie nicht viel mehr als das Leben gerettet.

Nahezu 800 Kriegs- und Handelsschiffe zog die deutsche Kriegsmarine Ende Januar 1945 in der Ostsee zusammen, nachdem durch die sowjetische Winteroffensive 1945 Ostpreußen eingeschlossen und der Landweg nach Westen versperrt war. Die Marine hat den Auftrag bekommen, die Soldaten der U-Bootschule auf Schiffen nach Westen abzutransportieren. Am 23. Januar beginnt die umfangreichste Rettungsaktion von Menschen über See aller Zeiten bis Mai 1945 und rund 500.000 Wehrmachtssoldaten aus Ostpreußen, Pommern und Kurland nach Dänemark und Schleswig-Holstein evakuiert werden. Sie nehmen etwa 1,5 Millionen Zivilisten mit, Frauen mit kleinen Kindern und Schwangere.
Ab dem 25. Januar laufen Schiffe ein, um Flüchtlinge aufzunehmen, Minensucher, Torpedoboote, Kreuzer, Schlepper, Eisbrecher, Fischdampfer, Kohlenfrachter Auf den Frachtern sind die Laderäume mit Stroh ausgelegt. Sie sind ebenso mit Flüchtlingen und verwundeten Soldaten überfüllt wie die Kabinen der Passagierschiffe. Und an Deck stehen oft Hunderte Menschen dichtgedrängt, weil kein Platz ist, um sich hinzusetzen.
Nachdem die ersten Transporte noch geordnet ablaufen, Flüchtlinge in Listen erfasst und Schiffskarten ausgegeben werden, stehen die Menschen bald zu Tausenden am Hafen und warten auf Schiffe, oft tagelang.
Ziel ist zumeist Swinemünde auf Usedom. Von dort geht es mit dem Zug weiter, auch über See nach Flensburg, Lübeck oder Kiel. Oft landen die Schiffe ihre Fracht aber auch nur im bald von den Sowjets eingekesselten Danzig oder Gdingen (Gotenhafen) an, wo sich ebenfalls die Menschen zu Zehntausenden drängen und darauf warten, dass sie ein anderes Schiff nach Westen bringt.
Wie viele Menschen über den Seeweg gerettet wurden, ist bis heute ungeklärt. Mehr als 20.000 Menschen starben bei Schiffsuntergängen

Einschub, der Untergang der „Wilhelm Gustloff“
Am 30. Januar sticht hier der Passagierdampfer „Wilhelm Gustloff“ in See. Nur wenige Stunden nach seiner Abfahrt wird die „Wilhelm Gustloff“ durch ein sowjetisches U-Boot versenkt.
Fast 9.300 Flüchtlinge sterben bei der Torpedierung des zum Lazarettschiff umgebauten, ehemalige Kreuzfahrtschiff der NS-Organisation „Kraft-durch-Freude“ (Vor dem Krieg unternimmt die „Wilhelm Gustloff “ Kreuzfahrten im Mittelmeer).
Das Schiff sinkt innerhalb einer Stunde. Nur etwa 1.200 Menschen können gerettet werden.

Historisches Foto von der Wilhelm Gustloff
Historisches Foto von der Wilhelm Gustloff

Immer wieder laufen Flüchtlingsschiffe auf Minen, und werden von sowjetischen U-Booten oder Flugzeugen versenkt.
Noch Mitte April geht der torpedierte Frachter „Goya“ nach wenigen Minuten unter, von den schätzungsweise 7.000 Menschen an Bord werden nur wenige gerettet.
Fast zur gleichen Zeit transportiert die SS über 3.000 Häftlinge des Konzentrationslagers Stutthof bei Danzig auf Schuten und Kähnen nach Neustadt in Holstein ab.

Der Begriff Vertreibung beziehungsweise Vertriebene setzte sich erst Ende der 1940er-Jahre durch und wurde nur in der Bundesrepublik zur offiziellen, in bestimmten Fällen auch gesetzlich fixierten Bezeichnung dieses Vorgangs (Heimatvertriebener) beziehungsweise der von ihm Betroffenen.
Bis dahin wurden zwangsumgesiedelte Deutsche begrifflich nicht von der Gesamtheit der Flüchtlinge unterschieden, zuweilen auch – wie im späten nationalsozialistischen Sprachgebrauch – als „Evakuierte“ bezeichnet.
In der Sowjetischen Besatzungszone und in der DDR wurde offiziell gezielt von „Umsiedlern“ bzw. „ehemaligen Umsiedlern“ und „Neubürgern“ gesprochen. 1950 waren dies dort etwa 4,3 Millionen Menschen.
Etwa 12 bis 14 Millionen Deutsche und deutschstämmige Angehörige verschiedener Staaten zwischen 1944/45 und 1950 waren von Flucht und Vertreibung betroffen. Mehrere hunderttausend Menschen wurden in Lagern inhaftiert oder mussten – teilweise jahrelang – Zwangsarbeit leisten.
Rund zwei Millionen Deutsche sind infolge der Vertreibung umgekommen.
Zunächst ging es darum, das Überleben der Geflüchteten und Vertriebenen angesichts des schweren Mangels an Nahrung, Wohnraum und Kleidung zu sichern. Dies ist weitgehend gelungen, obwohl es in den Jahren bis ca.1950 eine deutlich erhöhte Sterblichkeit infolge von Unterernährung und Infektionskrankheiten gab. Überschlägige Rechnungen gehen von einer zusätzlichen Sterblichkeitsrate von 3 bis 3,5 Prozent im Laufe von fünf Jahren aus; sie betraf vor allem Ältere, Kleinkinder und gesundheitlich vorbelastete Menschen.

Gebiet Flüchtlinge und VertriebeneAnteil an der Gesamtbevölkerung
Sowjetische Besatzungszone4.379.00024,3 %
Amerikanische Besatzungszone2.957.00017,7 %
Britische Besatzungszone3.320.00014,5 %
Französische Besatzungszone60.0001,0 %

Aufnahme in den Besatzungszonen in Deutschland, Stand: Dezember 1947.


In allen Besatzungszonen unternahmen Vertriebene Versuche, eigene Organisationen zur Artikulation ihrer Interessen zu gründen. In den Westzonen und ab 1949 in der Bundesrepublik organisierten sich zahlreiche Vertriebene in Landsmannschaften, die sich 1957/58 im Bund der Vertriebenen (BdV) zusammenschlossen. Es kam weder im Westen noch im Osten Deutschlands zu einer reibungslosen, schmerzfreien und harmonischen Integration der Flüchtlinge.

Flüchtlingsausweis
Flüchtlingsausweis

Eine Art besondere Vertriebenenpartei bestand in der Zeit von 1950 bis 1961 im Gesamtdeutschen Block/Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE).
In der bundesdeutschen Politik waren Flüchtlinge und Vertriebene in sämtlichen Parteien vertreten.
Die wirtschaftliche und soziale Integration der Vertriebenen in die beiden deutschen Staaten vollzog sich in einem langen Prozess. Es ist umstritten, welche Faktoren für die Integration ausschlaggebend waren. Bis in die 1980er-Jahre wurden vor allem die Bedeutung des Lastenausgleichsgesetzes in der Bundesrepublik.

Die rechtliche Grundlage für die notwendige Eingliederung der Vertriebenen in die Nachkriegsgesellschaft bildete ein Bündel von Gesetzen. Das Bundesvertriebenengesetz (Langtitel: Gesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge; BVFG) vom 19. Mai 1953 ist dabei das zentrale Gesetz. Es enthält Regelungen zum Status der Vertriebenen, der Sowjetzonenflüchtlinge und der Spätaussiedler. Zu den Vertriebenen gehören auch diejenigen, die ab 1933 aus Gründen der Rasse, des Glaubens, der Weltanschauung oder wegen politischer Gegnerschaft nationalsozialistischen Maßnahmen ausgesetzt waren und in diesem Zusammenhang ihren Wohnsitz verloren haben.
Im Bundesvertriebenengesetz werden bis heute Bund und Länder verpflichtet, das kulturelle und historische Erbe der ehemaligen deutschen Ostprovinzen zu sichern und zu bewahren und die wissenschaftliche Forschung zu unterstützen. Es ist der rechtliche Rahmen für die Aufnahme von Spätaussiedlern und seit über 55 Jahren Ausdruck der Verantwortung Deutschlands für die Vertriebene.

Deutsche Minderheiten wurden aus Polen, der Tschechoslowakei und anderen Ländern umgesiedelt, um neue Konflikte zu verhindern.
Wie viele Menschen in den chaotischen Ereignissen sterben, ist bis heute unklar. Schätzungen schwanken zwischen 400.000 und bis zu zwei Millionen Opfern.
Ein Großteil der Ostdeutschen bleibt in Schleswig-Holstein, das in der späteren Bundesrepublik mit einer Million aufgenommener Menschen zum Land mit den meisten Flüchtlingen wird. Von denen es Anfang der 50er-Jahre noch mehr als 700 im ganzen Land gibt.
Die alliierten Militärregierungen bringen Flüchtlinge und Vertriebene in Sammellagern, Notunterkünften oder bei Privatfamilien unter. Nicht selten gibt es Schwierigkeiten im Zusammenleben zwischen Einheimischen und Vertriebenen.
Bei der ersten auf Anordnung des Alliierten Kontrollrats durchgeführten Volkszählung im Oktober 1946 werden 9,6 Millionen Flüchtlinge gezählt. Allein in Schleswig-Holstein steigt die Bevölkerungszahl um 33 Prozent, in Mecklenburg-Vorpommern um 44,3 Prozent. 1946 kommen in Schleswig-Holstein auf vier Einheimische drei Flüchtlinge.

Erst mit den Jahren gelingt den regierenden Politikern die Integration, nicht selten gegen Widerstände der Einheimischen, die sich noch lange vor Überfremdung und Verdrängung fürchten.
Die Integration der Vertriebenen in die Nachkriegsgesellschaft gestaltete sich schwierig und war von Spannungen und Vorurteilen geprägt.
1950 leben 8 Millionen Flüchtlinge in der Bundesrepublik und 4 Millionen in der DDR.
Flucht und Vertreibung aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reichs hielten bis lange nach Kriegsende an und forderten zwischen 1944 und 1947 bis zu 600.000 Menschenleben.
Mehrere hunderttausend Menschen wurden in Lagern inhaftiert oder mussten – teilweise jahrelang – Zwangsarbeit leisten.
Auch beginnt die gewaltsame Vertreibung deutscher Minderheiten aus Ost-, Mittel- und Südosteuropa noch während des Krieges. Etwa zwölf Millionen Deutsche suchen eine neue Heimat.
Auf die „wilden“ Vertreibungen folgen nach Kriegsende bis 1950 „geregelte Aussiedlungen“ der Deutschen aus den Ostgebieten, Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei.
Die Siegermächte (USA, Sowjetunion, Großbritannien) hatten dies auf der Potsdamer Konferenz 1945 festlegt.
Die Flüchtlinge kamen in einem zerstörten Land an und waren oft mit Misstrauen und Ablehnung konfrontiert.

Schon während des 2. Weltkrieges mussten in Barskamp viele Geflüchtete aufnehmen.
Gab es 1933, 617 Einwohner, in 112 Wohnhäusern, so stieg die Zahl 1948 auf 1104 Einwohner, (davon 603 Einheimische) darunter 167 Evakuierte und 351 Flüchtlinge in 112 Wohnhäusern.
Bei der Volkszählung vom 13. September 1950 ergab sich, dass im Ort 1073 Einwohner in 274 Haushalten lebten.
In Barskamp kamen aus den Reihen der Evakuierten und Flüchtlingen etliche Handwerker, Versorger und Dienstleister hinzu.

18.08.2025